Adrenal Fatigue bezeichnet ein alternativmedizinisches Konstrukt, wonach die Nebennieren angeblich einem Skelettmuskel gleich erschöpfen und insbesondere nicht mehr genug Cortisol produzieren können. Dies führe zu zahlreichen unspezifischen Symptomen. Der Begriff wurde 1998 von dem Chiropraktiker James Wilson geprägt.
https://en.wikipedia.org/wiki/Adrenal_fatigue

Eingedeutscht ist von der Nebennierenschwäche (abgekürzt NNS) zu lesen, was immer wieder zu Verwechslungen mit der Nebennierenrindeninsuffizienz bzw. Nebennierenrindenschwäche, einer schwerwiegenden Erkrankung, führt.

Die Diagnose Adrenal Fatigue gibt es in der Medizin nicht. Es gibt sie nicht in der ICD, nicht im Medizinstudium, nicht an Unikliniken oder in der Forschung. Die meisten NNS-Behandler sind denn auch Heilpraktiker, nur eine Minderheit der Ärzte diagnostiziert und behandelt Adrenal Fatigue. Die sind zwar offensichtlich im Internet sehr präsent, aber im wirklichen Leben vertreten sie eine exotische Minderheitenmeinung. Als Laie, der sich übers Internet informiert, weiß man das nicht unbedingt. Folge: Man meint, die Erklärung für die Symptome gefunden zu haben, möglicherweise sogar schon mit Speicheltest "abgesichert", geht hoffnungsvoll zum Arzt, der ja jetzt was tun müsse und das Problem nicht mehr leugnen könne. Und raus geht man mit der Diagnose Cyberchondrie...

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für die Existenz des Phänomens Adrenal Fatigue, eine Ermüdung der Nebennieren(rinde) widerspricht biologischen Erkenntnissen über die Funktionsweise endokrinen Gewebes. Die NNS- bzw. Adrenal Fatigue-Verfechter behaupten, dass die NNR (Nebennierenrinden) in Folge von starkem und/oder langanhaltendem Stress jedweder Art (psychosozial wie auch körperlich durch Infektionen bspw.) überstrapaziert werden und es nicht mehr schaffen, die benötigte Menge Cortisol zu produzieren. Welche Vorgänge auf Zellebene zu dieser Ermüdung/diesem Versagen führen sollen, wird jedoch nicht erklärt. Wilson behauptet, dass Überstimulation zur Schwächung der NNR führe. Für diese Behauptung gibt es jedoch keinerlei wissenschaftliche Belege:
“Adrenal fatigue” is not a real medical condition. There are no scientific facts to support the theory that long-term mental, emotional, or physical stress drains the adrenal glands and causes many common symptoms.

Quelle: https://www.sciencebasedmedicine.org...-fake-disease/
Im Gegenteil, Überstimulation führt dazu, dass die NNR vermehrt Hormone produzieren – und nicht mehr damit aufhören. Es käme zum Cortisolüberschuss, nicht zum Mangel. Die NNR unterliegen nämlich dem hormonellen Regelkreis. Ihr Gewebe verfügt über Rezeptoren, an die das Hypophysenhormon ACTH andockt, so dass die Hormonproduktion in den NNR angeregt wird. Der Cortisolspiegel steigt und bewirkt in einer Rückkopplungsschleife, dass vom Hypothalamus weniger CRH und infolgedessen von der Hypophyse weniger ACTH ausgeschüttet wird. Somit kehrt das System in seinen Normal- bzw. Ruhezustand zurück – bis zur nächsten Stresssituation.

Ist der Stress nun sehr ausgeprägt oder langanhaltend, wird letzten Endes dauernd viel Cortisol ausgeschüttet. Das schadet einerseits langfristig dem Körper, da der Blutzuckerspiegel erhöht wird, das Immunsystem geschwächt, Blutdruck und Puls erhöht etc. Andererseits ergeht mit dem erhöhten Cortisol das Signal an Hypothalamus und Hypophyse, weniger CRH bzw. ACTH zu produzieren. Cortisol gibt eine kurzfristige Stressantwort und der Körper lernt mit der Zeit, auf dieselben Stressoren mit weniger CRH- und ACTH-Ausschüttung und damit auch mit weniger Cortisolausschüttung zu reagieren. Das wird in der Medizin als Anpassungsreaktion betrachtet, um den Organismus vor zu viel Cortisol zu schützen.

Der Cortisolspiegel kann also tatsächlich in Folge von Stress unter das „normale“ Maß sinken, was mit Symptomen eines (relativen) Cortisolmangels einhergehen und sehr belastend sein kann. Es liegt jedoch keine Funktionsstörung eines Organs vor. Zu solchen Phänomenen kommt es bspw. beim Burn-out, im Zusammenhang mit PTBS und Depressionen oder auch bei Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Es handelt sich durchaus um behandlungsbedürftige Zustände, bei denen jedoch nur im akuten Notfall das fehlende Cortisol unmittelbar und kurzfristig ersetzt wird. Wenn möglich, versucht man an den Ursachen anzusetzen, d.h. bspw. durch Psychotherapie das Stressmanagement des Patienten zu verbessern.

Zum Nachweis von Adrenal Fatigue werden häufig Cortisol-Speicheltests als Tagesprofile angeboten. Diese eignen sich jedoch nicht zur Feststellung eines Cortisolmangels, sondern nur zur Feststellung eines Überschusses (Cushing- Syndrom). [http://www.spiegel.de/gesundheit/dia...-a-930835.html]

Es gibt keine valide Untersuchungsmethode für Adrenal Fatigue:
There is no test that can detect adrenal fatigue. Many times, a person will be told he or she has adrenal fatigue based on symptoms alone. Sometimes, a blood or saliva test may be offered, but tests for adrenal fatigue are not based on scientific facts or supported by good scientific studies, so the results and analysis of these tests may not be correct.

http://www.hormone.org/hormones-and-...drenal-fatigue
Die Behandlung von Adrenal Fatigue reicht von Tipps zu einem gesünderen Lebensstil über Nahrungsergänzungsmittel bis zur Hormonersatztherapie mittels Hydrocortison. Letzteres ist bedenklich, da der unnötige Eingriff in den Hormonhaushalt tatsächlich zu einer sekundären Nebenniereninsuffizienz und damit zu ernsthaften körperlichen Schäden führen kann, die im schlimmsten Fall irreversibel sind.

http://www.ht-mb.de/forum/showthread...=1#post3332096
https://www.ht-mb.de/forum/showthrea...=1#post3288503

Zitat Zitat von Wonki Beitrag anzeigen
Die wichtige Frage ist: Wann hat man Cortisolmangel? Und wie diagnostiziert man ihn?

Ein Schulmediziner würde dafür verschiedene Tests machen:

(1) Cortisol im Blut morgens nüchtern um 8h. Norm in der Regel 5-25
(2) ACTH im Blut morgens nüchtern um 8h. Norm ca. 8-45
(3) ACTH-Stimulationstest der Nebennieren.
(4) CRH-Test der Hypophysenfunktion.

Dazu muss man wissen:

Die Ausschüttung von Corticotropin-Releasing Hormone (CRH) im Hypothalamus stimuliert die Ausschüttung des Adrenocorticotropen Hormons (ACTH) in der Hypophyse und dieses stimuliert die Nebennieren hauptsächlich zur Produktion von Cortisol (und anderen Hormonen wie DHEA). Wird der Cortisolspiegel zu hoch, verringert sich CRH und ACTH (in der Regel spricht man nur von ACTH), sodass weniger Cortisol produziert wird. Sinkt Cortisol zu weit ab, erhöht dies ACTH, sodass wieder mehr produziert wird. So entsteht ein bedarfsgerechter Regelkreis.

In der Regel gilt für alle Patienten, die bei sich eine "Nebennierenschwäche" vermuten, dass alle diese Tests unauffällig sind.

(1) Cortisol im Blut niedrig- bis mittig-normal.
(2) ACTH niedrig-normal.
(3) Deutliche Erhöhung der Cortisolproduktion nach ACTH Gabe.
(4) Deutliche Erhöhung der der ACTH-Produktion nach Stimulation mit CRH.

Was bedeutet das?

(1) Im Blut findet sich eine Cortisol-Konzentration wie sie üblicherweise bei vielen Patienten vorliegt. Vielleicht nicht gerade der Wert der Spitzengruppe, aber dennoch ein normaler Wert, den sehr viele gesunde Patienten auch haben.
(2) Wenn Cortisol im Normbereich liegt und ACTH niedrig-normal ist, ist das gut. ACTH ist sozusagen der TSH der Nebennieren. Sind die Schilddrüsenwerte ausreichend, ist TSH ca. 1,0 (bei Norm 0,4-4,0). Genau so gilt: Ist der Cortisolspiegel gerade richtig, ist ACTH im niedrigen Normbereich (z.B. ca. 12-15)
(3) Wird ACTH künstlich erhöht, "ziehen die Nebennieren nach", d.h. sie werden stimuliert und erhöhen deutlich ihre Produktion an Cortisol.
(4) Wird die Hypophyse durch CRH stimuliert erhöht sie, so wie es sein soll, auch die Produktion von ACTH.

Diese Ergebnisse bedeuten: Die Stresshormonachse ist gesund.

Was wäre, wenn sie nicht gesund wäre (hier nur die Unterfunktion betrachtet)?

Möglich wäre eines oder mehrere der folgenden Dinge (wobei (2) und (4) in der Regel nicht gemeinsam auftreten):

(1) Cortisol im Blut wäre an der Unterkante der Norm oder sogar darunter.
(2) ACTH wäre hoch-normal (z.B. bei 40) oder sogar über der Norm.
(3) Trotz externer Gabe von ACTH erhöhen die Nebennieren ihre Produktion von Cortisol nicht oder nur schwach.
(4) Trotz externer Gabe von CRH erhöht die Hypophyse ihre Produktion von ACTH nicht oder nur schwach.

Was bedeutet das?

(1) Es ist so wenig Cortisol im Blut wie nur bei sehr wenigen anderen Menschen. Auffällig wenig.
(2) Die Hypophyse merkt, dass zu wenig Cortisol im Blut ist und versucht die Produktion der Nebennieren durch erhöhte ACTH-Ausschüttung anzukurbeln. Das klappt aber nicht, denn sonst würde mehr Cortisol produziert und ACTH würde wieder zurückreguliert. Da die Nebenniere das Kommando offenbar nicht befolgt, bleibt ACTH dauerhaft deutlich erhöht.
(3) Auch wenn extern ACTH zugeführt wird, produzieren die Nebennieren nicht oder nur wenig mehr Cortisol. Sie können das Kommando offenbar nicht befolgen.
(4) Auch wenn CRH zur Stimulation der Hypophyse gegen wird, erhöht diese ACTH nicht oder nur wenig.

(1) + (2) bedeutet, dass zu wenig Cortisol im Blut ist, und der Körper gerne mehr hätte (daher ACTH erhöht). (3) deutet auf eine Schädigung der Nebennierenrinde hin, da sie das Kommando zu einer höheren Cortisolproduktion nicht befolgt. (4) deutet auf ein Problem der Hypophyse hin, da sie ihr Kommando zur Erhöhung von ACTH nicht mehr befolgt.

Solche Patienten sind ohne Frage krank und dringend behandlungsbedürftig. Das nennt man Nebenniereninsuffizienz. In diesen Fällen liegt ein Cortisolmangel vor, den jeder kompetente Schulmediziner sofort anerkennen und behandeln wird.

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So und jetzt kommt die "Nebennierenschwäche".

Hier ist es fast immer so, dass alle diese Tests unauffällig sind. D.h. (1) - (4) sind alle normwertig. Der Schulmediziner sagt deswegen, es liegt hier kein Cortisolmangel vor. Am besten sieht man das am niedrig-normalen ACTH. Der Körper zeigt klar und deutlich an, dass er nicht mehr Cortisol produzieren "will".

Jetzt kommt der Alternativmediziner und sagt...hmmm ja, vielleicht fehlt aber doch Cortisol. Mit einem Blick auf den Cortisolwert wird festgestellt "sieht ja doch relativ tief aus", zumindest nicht hoch in der Norm (manchmal gibts auch noch einen Urintest dazu). Über ACTH schweigen sich diese Mediziner meist komplett aus - ich habe noch nie gehört, dass dieser Wert bei den deutschen H.-Ärzten gemacht worden wäre (passt ja auch nicht ins Bild).

Und dann heißt es: Ja, diese Labortests...die sind halt nicht fein genug, die schwanken und können einen Mangel eben nicht immer aufdecken.

Deswegen wird ein Speicheltest gemacht, der noch viel volatiler und störungsanfälliger ist, und wofür viel weniger Erfahrung bei der Festsetzung der Normwerte besteht.

Dazu kommt dann noch das klinische Bild, "sie fühlen sich ja müde und gestresst".

Für den Alternativmediziner ist das dann ein "Cortisolmangel", wo sehr wahrscheinlich eigentlich gar keiner ist. Dem zugrunde liegt ganz offensichtlich eine falsche Vorstellung, wonach ein "hoher" Cortisolwert besser ist als ein "niedriger". Ein niedrig oder mittig-normaler Cortisolspiegel reicht dem Alternativmediziner nicht, er will den Wert in der Spitzengruppe sehen (ein Arzt aus Norddeutschland sagt dem Vernehmen nach >20 um 8h).

Cortisol ist aber ein zentrales Steuerungshormon für unzählige Prozesse im Körper. Es erhöht die Stressresistenz aber z.B. auch den Blutzucker. In keinem Fall gilt für Cortisol ein "je mehr desto besser" oder dass es idealerweise immer an der Oberkante der Norm sein sollte. Am besten ist nicht ein hoher oder niedriger Cortisolspiegel, sondern der richtige Cortisolspiegel und den kennt der (gesunde) Körper am besten und steuert ihn durch ACTH.

Sehr hoch-normale Werte haben auch nur wenige Patienten, genau wie sehr niedrig-normale Werte. Die Normwerte sind ja in der Regel Normalverteilungen. Die große Masse ist in der Mitte und weder am oberen noch am unteren Rand.

Trotzdem wird dann von einem "Cortisolmangel" ausgegangen und nicht selten sofort mit Hydrocortison behandelt.

Und wer jetzt nochmal soviel lesen möchte, kann gerne hier nachlesen, was das für Probleme mit sich bringt:

http://www.ht-mb.de/forum/showthread...=1#post3288503
http://www.ht-mb.de/forum/showthread...=1#post3398659



Jedes Organ, jede Drüse, alles am menschl. Körper kann schwächeln.

Wie kommt man eigentlich darauf, dass es nicht so sein kann?
Zitat Zitat von Wonki Beitrag anzeigen
Dem intuitiven Charm dieser Aussage kann man sich ja in der Tat kaum verschließen [...]. Alles im menschlichen Körper kann auch mal zeitweise "schwächeln", also nicht optimal funktionieren, also gibt es auch eine Krankheit namens "Nebennierenschwäche". Allerdings glaube ich, dass man es mit dieser Argumentation ein wenig zu einfach macht.

(1)

Das Hauptproblem der "Diagnose" einer "Nebennierenschwäche" ist doch, dass man sie angeblich ja nicht mit den anerkannten Labortests diagnostizieren kann. Es gibt ja anerkannte Testverfahren, die belegen können, wenn die Nebenniere nicht korrekt arbeitet (Bluttest auf Cortisol, ACTH-Test). Dem Konzept der "Nebennierenschwäche" liegt die Unterstellung zu Grunde, die Nebenniere wäre durch Stress, Operationen, Hormonumstellungen o.ä. überlastet und jetzt "zu schwach" um ihre Funktion richtig ausfüllen zu können.

Allerdings sieht man bei den Patientinnen, die hier im Forum ausführlich getestet worden sind (und ich denke man kann das generell für die meisten NNS-Patienten sagen), dass diese Behauptung nicht stimmen kann, denn der ACTH-Test verläuft ja unauffällig, sprich die Nebennieren produzieren deutlich mehr Cortisol, wenn sie durch mehr ACTH stimuliert werden. Sie könnten sehr wohl mehr Cortisol produzieren und sind keineswegs "zu geschwächt" dafür.

Und das müssten die Befürworter einer "Nebennierenschwäche" doch mal erklären. Warum sind die Nebennieren angeblich "schwach", wenn sie doch bei Stimulation deutlich mehr produzieren können? Wenn Cortisol im Blut nicht in der hohen Norm liegt, sondern z.B. in der niedrigen oder mittigen Norm, vermuten die entsprechenden Alternativmediziner oft eine "Nebennierenschwäche" und lassen einen (nicht-anerkannten) Speicheltest machen, aber ich habe noch nie gehört, dass daraufhin ein (anerkannter) ACTH-Test gemacht wurde. Warum nicht?

Es wird zwar selten gemacht, aber es ist davon auszugehen, dass auch der CRH-Test bei den "NNS"-Patienten unauffällig sein wird, d.h. auch die Hypophyse - die Kontrolleurin der Nebenniere - arbeitet korrekt. Daran kann es auch nicht liegen. Also könnte allerhöchstens argumentiert werden, dass der letztinstanzliche "Kontrolleur der Kontrolleurin", der Hypothalamus gestört ist und zu wenig CRH produziert. Den kontrolliert nämlich dann niemand mehr, und hier gibt es auch wirklich keinen Test, der das beweisen könnte (außer auffälligem MRT).

Das Problem liegt dann aber im Gehirn und nicht im angeblich "schwachen"Nebennierengewebe. Wenn man von einer Hypothalamusstörung als Grund für eine unzureichende Cortisolproduktion ausgeht, könnte man die Krankheit nicht "Nebennierenschwäche" nennen, sondern z.B. "Nebennierenstimulationsstörung".

Eine solche Störung erkennen aber ja nicht einmal die Alternativmediziner an. Sie behaupten ja es ginge um eine "Nebennierenschwäche", also geschwächtes und überlastetes Nebennierengewebe. Die Tests, die diese Diagnose wiederlegen könnten ignorieren sie dann.

Die ganze Idee einer "Nebennierenschwäche" ist schon konzeptionell fehlerhaft.

Es gibt einen sehr interessanten Beitrag von Jutta K., dass man bei langer Schilddrüsenunterfunktion eine temporäre, milde sekundäre Nebenniereninsuffizienz entwickeln kann. Das hat sie indirekt anhand von verschiedenen Studien (hauptsächlich Tierversuche) belegt, einen direkten Beweis gibt es nicht. Hier benennt sie das Problem aber klar und eindeutig im Bereich von Hypothalamus-Hypophyse, und eben NICHT einer "geschwächten" Nebenniere. Aber ihr Konzept - und das betrifft auch nur Patienten mit langer und tiefer SD-UF - ist für mich viel überzeugender als eine sogenannte "Nebennierenschwäche".

Meiner Meinung nach halten die Alternativmediziner an der Diagnose der "Nebennierenschwäche" fest, weil es auf den ersten Blick verständlich klingt ("jedes Organ kann schwächeln") und sie es den Patienten gut erklären können. Mit der Realität hat es nichts zu tun.

(2)

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Organe gesünder und weniger gesund sein können. Sie können besser und leistungsstärker oder weniger leistungsstark sein. Dies hängt von vielen möglichen Faktoren ab. Allerdings wird in der Medizin nur in den Fällen, in denen es eine sehr deutliche und MESSBARE Funktionseinschränkung gibt, auch eine Krankheit diagnostiziert und der Patient für behandlungsbedürftig erklärt. Und das gilt insbesondere für eine Behandlung mit einem verschreibungspflichtigen Steroidhormon wie Hydrocortison.

Die Nebenniere "könnte stärker sein" oder "schwächelt" ist also absolut nicht ausreichend, um eine "Nebennierenschwäche" als Krankheit zu diagnostizieren. Usain Bolt hat sicher ein viel leistungsfähigeres Herz als ich, mein Herz arbeitet viel schwächer als seins, und das Herz meines übergewichtigen Nachbars arbeitet sicher nochmal schlechter als meins. Trotzdem bin ich und mein Nachbar deswegen nicht herzkrank und schon gar nicht mit behandlungsbedürftig.

Kurzfristige oder geringfügige Funktionseinschränkungen sind eben noch keine Krankheit, insbesondere wenn man überhaupt nichts durch anerkannte Tests nachweisen kann. Stimmungsschwankungen sind noch keine Depression. Wer beim Treppensteigen außer Atem kommt hat nicht gleich eine Herzschwäche. Ein temporärer leichter Abfall im Testosteronspiegel beim Mann ist kein Hypogonadismus.

(3)

Der letzte Punkt betrifft die Behandlung. Die ganze Diskussion über eine "Nebennierenschwäche" würde wahrscheinlich nicht mal einen Bruchteil ihrer Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie von Alternativmedizinern und Heilpraktikern mit Naturheilmethoden nicht mit Hydrocortison behandelt würde. Hydrocortison ist ja bekanntermaßen ein verschreibungspflichtiges Steroidhormon und über die Risiken und Nebenwirkungen, insbesondere das Risiko der Zerstörung der Nebenniere, haben ich und andere ja mehrfach ausführlich hier im Forum geschrieben.

Es geht aber nicht nur um die Risiken und Nebenwirkungen, sondern darum, dass die Behandlung mit Hydrocortison für eine "Nebennierenschwäche" konzeptionell auch keinen Sinn ergibt.

Die Alternativmediziner verschreiben Hydrocortison, mit dem Hinweis, die Nebenniere sei überlastet, "könnte nicht mehr" und durch Hydrocortison würde sie jetzt "entlastet", müsste weniger arbeiten und könnte sich dann wieder erholen.

Aber: Rücksprung auf (1), ob die Nebenniere "nicht mehr kann" kann ja durch den ACTH-Test geprüft werden. Wenn der unauffällig ist, d.h. die Nebenniere produziert nach ACTH-Stimulation auch deutlich mehr Cortisol, ist sie nachweislich nicht "schwach" oder überlastet, sondern sie wird einfach nicht mehr stimuliert. Dann muss sie aber auch nicht mit Hydrocortison "entlastet" werden. Einen Beleg dafür, dass sich die Nebenniere "erholt", wenn sie "entlastet" wird, bleiben sie natürlich schuldig.

Und das aus guten Grund, denn es ist medizinsch eindeutig erwiesen, dass sogar das GEGENTEIL der Fall ist. Unter einer Hydrocortisontherapie bildet sich das Nebennierengewebe ZURÜCK, weil ACTH sinkt und die Nebennierenrinde nicht mehr ausreichend stimuliert wird. Es wird kleiner und NOCH SCHWÄCHER und produziert NOCH WENIGER Cortisol. Das ist eindeutig und zweifelsfrei medizinisch bewiesen. Geht man von einer "Nebennierenschwäche" aus und behandelt mit Hydrocortison, VERSCHLIMMERT man die "Schwäche". Diese Behandlung ist vor diesem Hintergrund geradezu absurd.

Und wenn man von der Stimulationsstörung von Hypothalamus-Hypophyse ausgeht, macht es noch weniger Sinn, die Nebennieren mit Hydrocortison zu "entlasten", da dort ja gar nicht das Problem liegt, sondern - angeblich - im Gehirn bei gestörter CRH-Synthese und ACTH-Ausschüttung.

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Aus diesen Gründen greift die Aussage "jedes Organ kann schwächeln" eben zu kurz, insbesondere um eine Therapie mit Hydrocortison zu befürworten. Zur Behandlung einer "Nebennierenschwäche" macht die Gabe von Hydrocortison schon rein logisch überhaupt keinen Sinn.

Trotzdem, und das habe ich nie verschwiegen, gibt es ja auch die Fälle wo Hydrocortison geholfen hat wo sonst nichts geholfen hat. Ob das jetzt die Jutta K.-Fälle waren, Zufall oder ob es überhaupt etwas mit der Nebennierenfunktion zu tun gehabt hat, sei dahingestellt. Aber warum auch immer es geholfen hat, es hat sicher nicht geholfen, weil eine "Nebennierenschwäche" vorgelegen hat und so die Nebenniere "entlastet" wurde bis sie wieder richtig kann.

Deswegen würde ich insbesondere denen, die Hydrocortison bei dauerhaft behandlungsresistentem schlechten Befinden befürworten, vorschlagen, sich von der völlig unbelegten und konzeptionell fehlerhaften fiktiven Krankheit "Nebennierenschwäche" zu verabschieden und stattdessen die Dinge so zu sagen wie sie sind:

Hydrocortison hat manchmal geholfen, wo sonst nichts geholfen hat. Wir wissen nicht genau warum, aber es hat in diesen Einzelfällen geholfen. Wenn über lange Zeit nichts sonst hilft, kann man darüber nachdenken, es einmal damit auszuprobieren. Man muss sich aber über Risiken und Nebenwirkungen und das Abhängigkeitspotenzial im Klaren sind. Und man sollte die Fälle kennen, in denen Hydrocortison den Zustand des Patienten nochmals massiv verschlechtert hat.

Dann kann sich jeder selbst unvoreingenommen seine Meinung bilden.
http://www.ht-mb.de/forum/showthread...=1#post3399316



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Cortisolmangel und "Nebennierenschwäche" - Online-Buchkapitel von Irene Gronegger:
https://schilddruesen-unterfunktion....ierenschwaeche