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Thema: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

  1. #1
    Benutzer mit vielen Beiträgen Avatar von c.schnuffelblau
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    Standard Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Immer wieder lese ich hier regelmäßig bestimmte Annahmen die über Depressionen herrschen. Ich schreibe mal, wie es wirklich ist.

    1) ich bilde mir meine Symptome doch nicht ein. Also kann es nicht psychisch sein!!!

    Wahr ist, daß man sich auch bei Depressionen seine Symptome nicht einbildet. Sie sind da. Herzstolpern beispielweise sieht man im EKG. Nur sind es dann üblicherweise supraventrikuläre Extrasystolen die zwar sehr unangenehm, aber nicht gefährlich sind.
    Letztlich kann aber fast alles an somatischen Problemen einen seelischen Hintergrund haben. Die meisten Menschen unterschätzen die Kraft der Seele welche immer als irgendwie abgetrennt vom Körper gesehen wird. (Vielleicht hängt uns da noch unsere christliche Kultur nach?)

    2) Mit Zusammenreißen müsste es doch besser werden, wenn es psychisch ist.

    Wahr ist, daß es kaum Menschen gibt die sich so gut zusammenreißen können wie Menschen mit einer Depression. Zusammengerissen haben sie sich über viele Jahre. Depressive sind üblicherweise sehr leistungsorientiert und fleißig. Sie versuchen immer alle Ansprüche die an sie gestellt werden zu bedienen indem sie sich viel zu lange viel zu sehr zusammenreißen. Irgendwann klappt das aber nicht mehr.


    3
    Ich habe schon ein AD ausprobiert, es hat nicht geholfen, also ist die Ursache nicht psychisch.

    Bei einem Teil von Depressionen helfen ADs nicht. Das liegt daran, daß ADs die Blut-Hirn-Schranke passieren müssen. Bei einigen Menschen funktioniert das ganz gut, bei einigen ist das schwieriger.
    Da es unterschiedliche Wirkmechanismen gibt, kann es sein, daß bei jemandem ein Medikament gar nicht wirkt, ein anderes aber dennoch. Man kann mit Hilfe von DNA Tests herausfinden welche Medikamente für einen selbst sinnvoll sind. Nur zahlt das hier die KK nicht. (wen wundert es :-(

    4)
    Kann ja sein, daß bei dir die Ursache psychisch ist, bei mir ist es das nicht. Das merkt man doch!

    Wahr ist, daß das oft nicht so ist. Hat jemand ein traumatisches Erlebnis gehabt oder bestimmte schlimme Lebenssituationen, ist er sich der Ursache seiner Depression meist bewußt. An diese Fälle denkt man dann.
    Viele Depressionen entstehen aber dadurch, daß man in der Kindheit falsche Annahmen verinnerlich hat und danach lebt, obwohl sie der eigenen Persönlichkeit widersprechen.
    Vielleic ht ist man eigentlich ein aufgeschlossener Mensch der Kontakt zu anderen Menschen sucht. Aber in der Schule ist man immer wieder von seinen Schulkameraden so vermöbelt worden, daß man Menschen gegenüber unsicher und zurückgezogen wird.
    Ein Dauerkonflikt der sich durch das Leben ziehen wird, ist entstanden. Oder man hat durch die Erziehung gelernt, daß man nur geliebt wird, wenn man Leistung bringt. Also strampelt man sich mehr ab, als einem gut tut.

    Diese Dinge sind einem aber nicht so klar, daß man sie ändert. Man kennt es nicht anders und hat gelernt damit zu leben. Und die Psyche versucht nun durch körperliche Symptome auf Probleme aufmerksam zu machen. Üblicherweise tut sie das so lange, bis man sich bemüht zu verstehen worum es geht und das Leben verändert. Sein Leben verändern, SICH zu verändern ist aber schwer.

    5) Man hat doch gar keine Probleme, es geht einem gut.

    Wahr ist, daß man nicht alle seine Probleme kennt. Man hat sie verdrängt. Das ist ein guter und wirksamer Mechanismus der unser Überleben sichert. Allerdings kann er auch mal ins Gegenteil kippen, wenn wir etwas zu sehr verdrängen; ein zu großes Problem. Dann versucht unsere Seele sich Gehör zu verschaffen. Und das macht sie so lange, bis wir hinhören und versuchen das Problem zu lösen. Deshalb ist es auch sinnlos beispielsweise dieses oder jenes Symptom wegzutherapieren. Dann kommt eben ein anderes.

    6) Ich fühle mich gar nicht depressiv sondern nur so schlapp mit Gummibeinen und Gummiarmen.

    Wahr ist, daß dieses "gummiartige" ein Leitsymptom einer Depression ist. Nennt sich: "fehlender Antrieb". Diese gottendämliche Bezeichnung die eine völlig andere Vorstellung über das was es sein soll hervorruft, führt zu viel Verwirrung. Besser wäre die Bezeichnung: "Kraftlosigkeit". Aber genau das ist mit "fehlender Antrieb" gemeint. Die Stimmung selbst muß gar nicht unbedingt depressiv sein und dennoch hat man fehlenden Antrieb. Man zieht sich vielleicht auch immer mehr zurück, hat immer weniger Lust zu irgendwas....was man auf die Kraftlosigkeit zurückführt.

    Kann sein ich habe noch den einen oder anderen Punkt vergessen, vielleicht kann ja jemand ergänzen. (ADs machen süchtig habe ich bewußt nicht mit reingenommen, da mir das als ein Extrathema erscheint)

    PS: Antidepressiva können Symptome lindern. Wenn man es dabei belässt und nicht nach den Ursachen forscht und diese verändert, werden die Symptome irgendwann wiederkommen. (Man selbst wundert sich vielleicht warum es denn so völlig die Wirkung verloren hat...und probiert ein nächstes AD). ADs heilen nicht. Sie geben einem nur Aufschub und eine bessere Ausgangslage um die Probleme anzugehen.
    Wenn man anfängt beim nächsten Herzrasen nicht zu denken: "So ein Mist, kommt es schon wieder, ist ja furchtbar"...sondern vielleicht:"Aha, offenbar ist jetzt eine Situation die ich falsch angehe, wo ich irgendwas anders machen muß", dann ist man auf dem richtigen Weg. (Der lange dauert und nicht einfach ist.)

  2. #2
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen


  3. #3
    Benutzer mit vielen Beiträgen Avatar von Aurorasutra
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    auch von mir:

    und das: "Aha, offenbar ist jetzt eine Situation die ich falsch angehe, wo ich irgendwas anders machen muß" - soweit bin ich anscheinend schon...

    Und ja: der Weg ist lang. Ich fürchte auch, dass er das ganze Leben andauern wird. (So wie ein Alkoholiker ein Leben lang Alkoholiker sind, sind wir vielleicht ein lebenlang depressionserkrankt. Und haben wellenartig immer wieder damit zu kämpfen)

    Aber: es wird immer ein Stückchen besser! Man lernt. Sehr viel. Über sich. Und das Leben.

  4. #4
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen


    2) Mit Zusammenreißen müsste es doch besser werden, wenn es psychisch ist.

    Wahr ist, daß es kaum Menschen gibt die sich so gut zusammenreißen können wie Menschen mit einer Depression. Zusammengerissen haben sie sich über viele Jahre. Depressive sind üblicherweise sehr leistungsorientiert und fleißig. Sie versuchen immer alle Ansprüche die an sie gestellt werden zu bedienen indem sie sich viel zu lange viel zu sehr zusammenreißen. Irgendwann klappt das aber nicht mehr.

    Das findet zu 100% meine Zustimmung, habe schon viele Leute kennen lernen dürfen und bei 80% trifft diese Aussage auf dem Punkt zu. Schlimm ist das gerade von Leuten mit Depressionen immer wieder mit Druck verlangt wird sich zusammen zu reißen.

    Gruß

  5. #5
    Benutzer mit vielen Beiträgen Avatar von Jehane
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Super zusammengefasst! Grad das mit dem Zusammenreißen kenn ich von einer Freundin - die hat sich zusammengerissen und zusammengerissen... und irgendwann ist sie kollabiert, weil sie keine Kraft mehr zum Zusammenreißen hatte. Der hat man sehr, sehr lange nicht angemerkt, dass sie mit einer schweren Depression kämpft. Sie konnte das wahnsinnig gut übertünchen, sodass keiner von uns was gemerkt hat. Bis sie eben kollabiert ist und klar war, dass sie ernstlich krank ist und Hilfe braucht. Sie ist mittlerweile, nach mehreren Jahren, zwar so weit, dass sie ohne ADs auskommt und auch nicht mehr zur Therapie geht, aber gut 2,5 Jahre lang waren Medikamente und Therapie ständige Begleiter. Und bei ihr ist die Angst geblieben, dass die Depression eines Tages zurückkommt. Eine etwas unsichere Lebenssituation, Single-Dasein und dergleichen tragen auch nicht unbedingt ihren Teil dazu bei, ihr diese Angst zu nehmen.

  6. #6
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Das ist das Schlimme! Vielen Leuten sieht man das gar nicht an, dass sie total traurig und leer sind sowie kurz vor dem Selbstmord stehen.

  7. #7
    Benutzer mit vielen Beiträgen Avatar von Aurorasutra
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Zitat Zitat von Tomate5 Beitrag anzeigen
    Das ist das Schlimme! Vielen Leuten sieht man das gar nicht an, dass sie total traurig und leer sind sowie kurz vor dem Selbstmord stehen.
    Als ich während meiner schlimmsten Krise (6 Wochen Akutpsychiatrie + 6 Wochen Tagesklinik, insgesamt ein 3/4 Jahr krankgeschrieben, ebenfalls tendenziell suizidgefährdet, etc.) mich einmal zum Kaffee mit meinen Arbeitskolleginnen getroffen hatte, sagte eine zu mir

    "ach, du siehst ja gar nicht so krank aus!"

    klar, zu dem Zeitpunkt ging es mir schon etwas besser, sonst wäre ich nicht zum Kaffeetrinken gegangen.

    Aber vielleicht dachte sie, ich habe mich zum Spaß selbst in eine Psychiatrie einweisen lassen, um dann weitere Wochen in eine Tagesklinik zu gehen, etc....?

  8. #8
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Antidepressiva können Symptome lindern. Wenn man es dabei belässt und nicht nach den Ursachen forscht und diese verändert, werden die Symptome irgendwann wiederkommen. (Man selbst wundert sich vielleicht warum es denn so völlig die Wirkung verloren hat...und probiert ein nächstes AD). ADs heilen nicht. Sie geben einem nur Aufschub und eine bessere Ausgangslage um die Probleme anzugehen.
    Das würde ich doch gerne ergänzen, wenn ich darf. Es gab - das wissen einige hier vielleicht - früher ja mal die Unterscheidung in endogene und exogene Depression. Vereinfacht gesagt, in psychische und organische Ursache, d.h. eine kommt von belastenden Ereignissen, falscher Lebensführung mit Stress, etc., die andere von einer Verschiebung im Hirnstoffwechsel. Diese Unterscheidung hat man mittlerweile aufgegeben, weil klar geworden ist, dass beides eng miteinander verschränkt ist. Beides sind Seiten derselben Medaille. Eine Depression geht in der Regel immer mit Verschiebungen im Hirnstoffwechsel einher, auch wenn der Auslöser eine psychische Reaktion ist. Es kann also sowohl die hier geschilderte Persönlichkeitsstruktur sein, die letztlich zum Ausbruch führt, Vitamin D Mangel und auch Ernährung etc. wird diskutiert. Will ich hier gar nicht drüber diskutieren grad.

    Das ist für die Wirkung des AD aber erstmal auch egal. AD setzen an der organischen Seite der Depression an indem sie den Hirnstoffwechsel beeinflussen. Und das kann durchaus zur Heilung führen, weil es die Depression unterbricht, bevor sie zum chronischen Zustand geworden ist. Standard ist ja auch, ein AD nach ca. einem Jahr abzusetzen und zu schauen, ob die Depression weg ist oder wieder kommt. Gerade wenn das AD frühzeitig gegeben wird, also die Depression noch nicht chronifiziert ist und seit Jahren unbehandelt ist, ist dann die Chance gut, dass es keinen Rückfall gibt. ADs haben daher auf jeden Fall ihre Berechtigung bei der Therapie und ja, eben auch Heilung der Depression. Es gibt Fälle, in denen das alleine schon reicht, gerade bei erstmaligen Traumen funktioniert das, wenn also z.B. ein schlimmer Unfall erlebt wurde, dann gibt man direkt ein AD und das belastende Ereignis kann verarbeitet werden, ohne dass es zu einer Stresskaskade und in der Folge Depression kommt. In vielen Fällen und wohl immer dann, wenn die Persönlichkeitsstruktur betroffen ist, wird irgendeine andere Form von Therapie, Psychotherapie also, nötig sein, um nicht wieder depressiv zu werden.

    Also, ich sage nichts anderes, das steht da ja schon so in etwa, wollte das nur zum Verständnis für den einen oder anderen etwas weiter ausführen

  9. #9
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Danke für Deine Ergänzung, Bienchen :-)

  10. #10
    Benutzer mit vielen Beiträgen Avatar von Andrine
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    Standard AW: Irrtümer die hier über Depressionen herrschen

    Zitat Zitat von c.schnuffelblau Beitrag anzeigen
    (Vielleicht hängt uns da noch unsere christliche Kultur nach?)
    Kann ich nicht bestätigen, und ich komme aus einem sehr christlichen Umfeld, mir war immer klar, dass alles zusammenhängt und das wurde/wird da auch so vermittelt. Ich sehe eher den Einfluss des Humanismus und die Einflussnahme des "ausschliesslich wissenschaftlichen Denkens" als mögliche Ursache.

    Ansonsten auch von mir und danke für den Text, auch @ Bienchen.
    Geändert von Andrine (24.01.17 um 18:51 Uhr)

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