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Thema: Bitte um Hintergrundinformation

  1. #11
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    Standard AW: Bitte um Hintergrundinformation

    Hallo Nakoma!

    Und zwar.. wie ist das mit dem freien und den gebundenen Hormonen? Ausschlaggebend sind doch nur die freien, richtig?
    Ja, richtig. Die freien Hormone sind die, die stoffwechselaktiv sind. Die gebundenen sind stoffwechselinaktiv, solange sie an die Transporteiweisse gebunden sind. Erst, wenn sie sich aus der Bindung an die Transporteiweisse lösen, werden die Hormone frei und somit stoffwechselaktiv.
    Die gebundenen können ja aber trotzdem viel mehr sein?
    Die gebundenen Hormone sind immer sehr viel mehr als die freien. Von T4 sind im Blut 99,98 % gebunden (und nur 0,02 % frei), von T3 sind 99,75 % gebunden (und nur 0,25 % frei).

    Die gebundenen Hormone dienen dem Körper als (Kurzzeit-) Hormonspeicher Der Langzeit-Hormonspeicher ist normalerweise die SD selbst, denn eine gesunde SD hat in ihren Follikeln recht große Mengen an T4/T3 auf Vorrat gespeichert, der Vorrat reicht normalerweise für ca. 3 Monate. Ist die SD aber futsch (nach OP) oder halt kaputt, so gibt`s halts nur nur den Kurzzeit-Hormonspeicher.

    Durch die Bindung an die Transporteiweisse wird die Halbwertszeit verlängert (gebunden sind die Hormone noch stoffwechselinaktiv, d.h. der Körper kann sie - solange sie gebunden sind - auch nicht verstoffwechseln, daher halten die Hormone länger) und die gebundenen Hormone sind auch vor Ausscheidung über die Niere weitestgehend geschützt (gebundene Hormone werden zusammen mit den Transporteiweissen in den Nierenfiltern zurückgehalten und wieder ins Blut rückgeführt).
    Wie ist das nun, wenn mit den Hormonen, die man künstlich über die Tablette zuführt? Sind die nun frei oder gebunden?
    In der Tablette selbst sind die Hormone zunächst einmal frei. Das ändert sich aber, sobald die Hormone aus der Tablette durch die Dünndarmschleimhaut in den Blutstrom diffundieren.

    Im Blut schwimmen ständig die diversen Transporteiweisse (TBG = Thyroxin bindendes Globulin; TBPA = Thyroxin bindendes Präalbumin und Albumin) im Blutstrom herum und sie sammeln nach und nach das durch die Dünndarmschleimhaut ankommende T4 (und bei T3-Einnahme auch das T3) ein, binden das Hormon also an sich.

    Die Hormone aus der Tablette werden also ganz genauso gebunden wie auch die echten Hormone, die direkt von der SD in die Blutbahn abgegeben werden. Ab dem Zeitpunkt, wo die Hormone ins Blut gelangen, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den Hormonen aus den Tabletten und den echten aus der Schilddrüse. Sie werden im Blut zu einem Großteil von den Transporteiweisen gebunden, egal, wo sie ursprünglich herstammen.

    Nur der Weg hinein ins Blut war eben etwas anders (SD schüttet direkt ins Blut aus; Tablette muß erst über den Magen in den Dünndarm gelangen und die Hormone können erst über den Dünndarm ins Blut gelangen).
    Also, wirken die direkt oder eben erst, wenn sie benötigt werden?
    Da die Hormone aus der Tablette im Blut genauso wie die echten aus der SD im Blut an die Transporteiweisse gebunden werden, gibt es letztendlich auch keinen Unterschied zur Wirkungsweise.

    Wirken tun die Hormone immer erst, wenn sie sich aus der Eiweißbindung lösen, denn nur frei können die Hormone in die Körperzellen hinein und dort verstoffwechselt werden (mit so einem "Transporteiweißklotz am Bein", wäre das Hormonmolekül viel zu groß und könnte so nicht durch die Zellwand).

    Wie das genau geregelt ist, wann sich die Hormone aus der Eiweißbindung lösen (also wer oder was dafür den Befehl gibt) und auch, wie die Hormone dann in die Körperzellen hinein gelangen, ist übrigens noch weitgehend unbekannt. Man nimmt an, daß es vermutlich einen aktiven Transportmechanismus (Carrier) geben muß, der die SD-Hormone in die Zellen hineinholt, aber wie der aussieht und genau funktioniert, hat man bis heute noch nicht herausgefunden.
    Wenn die gebunden wären, könnte es ja auch sein, dass der Körper sie irgendwie gar nicht "aktiviert"?
    Doch, doch, einmal im Blut angelangt (egal, wie) aktiviert der Körper die Hormone aus der Tablette ganz genauso wie die echten aus der SD, indem er sie (wie auch immer) wieder aus der Eiweißbindung löst, die Hormone dann frei und damit stoffwechselaktiv werden.

    Daß man dennoch mehr Hormone aus der Tablette braucht als die SD normalerweise selbst produziert, liegt einfach daran, daß es bei der Einnahme der Tabletten immer Verluste im Verdauungstrakt gibt. Selbst unter idealen Bedingungen (nüchterne Einnahme, gesunder Magen/Darm, keine Einnahme von anderen Medikamenten, die die Aufnahme behindern) werden von einer T4-Tablette immer nur ca. 80 % des Wirkstoffgehalts im Dünndarm resorbiert und gelangen in den Blutstrom. Wenn Du also z. B. eine Tablette mit 100 µg L-Thyroxin einnimmst, so kommen davon nur ca. 80 µg in deinem Blut an, der Rest landet - salopp gesagt - im Klo .

    Problematisch kann`s auch werden, wenn es irgendwelche Faktoren gibt, die die Menge der Transporteiweisse beeinflussen oder die Eiweißbindung verändern. Ein wichtiger Faktor ist dabei z. B. Östrogen. Östrogen bewirkt, daß die Leber mehr Transporteiwesse bildet, was wiederum zur Folge hat, daß dann auch mehr SD-Hormone gebunden werden (und weniger frei ist). Wenn man vermehrt Östrogen zu sich nimmt (z. B. durch Pille oder Hormonersatztherapie), braucht man deswegen auch mehr SD-Hormone.

    Bei einem SD-Gesunden würde die SD das (mittels TSH) selbst lösen und die SD würde dann einfach mehr Hormone produzieren. Ist die SD aber kaputt/weg, muß man das natürlich über die Tabletten regulieren und braucht dann eine höhere Dosis.

    Dasselbe gilt auch für die Schwangerschaft, der Hormonbedarf steigt bei Schwangeren so stark an, weil sie schwangerschaftsbedingt höhere Östrogenspiegel haben und damit eine größere Eiweißbindung von SD-Hormonen.

    Bei Testosteron ist es übrigens genau umgekehrt - also wer Testosteron einnimmt, braucht weniger SD-Hormone, weil Testosteron zu einer Abnahme der Menge an Transporteiweissen führt und damit zu einer geringeren SD-Hormonbindung.

    Dann gibt`s auch noch Medikamente, die SD-Hormone aus der Eiweißbindung im Blut verdrängen, z. B. Aspirin, Heparin, Marcumar und Diclofenac. Die "schubsen" quasi die SD-Hormonmoleküle von den Transporteiweissen runter und binden sich dann selbst daran, was zur Folge hat, daß dann mehr SD-Hormone frei und ungebunden im Blut sind. Was dann wiederum bedeuten kann, daß man unter solchen Medis eine geringere SD-Hormondosis braucht als zuvor, weil eben mehr freie Hormone da sind (allerdings nur für die Dauer der Einnahme der Medikamente, denn der Effekt der Verdrängung aus der Eiweißbindung hält nur solange an, wie die Medis auch wirken).

    Liebe Grüße
    Jutta
    Geändert von Jutta K. (13.02.10 um 01:59 Uhr)

  2. #12
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    Standard AW: Bitte um Hintergrundinformation

    Hallo Jutta,

    du bist einfach spitze! Deine Erklärungen sind immer super!

    Vielen Dank, auch für deine Mühe immer so viel dabei zu schreiben.

    LG Kimba
    Geändert von Kimba (12.02.10 um 17:12 Uhr)

  3. #13
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    Standard AW: Bitte um Hintergrundinformation

    oh, ja! Das war wirklich sehr sehr ausführlich und super verständlich!! Danke!!
    Nur, was ich noch nicht ganz versehe (hoffe ich nerv nicht schon, aber das interessiert mich nun jetzt einfach... ) ist eins.. durch die Tablette steigen ja dann quasi erst mal nur die gebunden Hormone an... steigen die freien dann quasi proportional dazu auch? Denn sonst kann ich mir nicht erklären, warum man bei einer Überdosierung Symptome einer Überfunktion bekommt. Denn, werden wirklich nur soviele Hormone aktiviert, wie der Körper auch benötigt, sollte dies ja nicht der Fall sein..

  4. #14
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    Hallo Nakoma!

    Nur, was ich noch nicht ganz versehe (hoffe ich nerv nicht schon, aber das interessiert mich nun jetzt einfach... ) ist eins.. durch die Tablette steigen ja dann quasi erst mal nur die gebunden Hormone an... steigen die freien dann quasi proportional dazu auch?
    Ja, klar steigen die freien proportional dazu auch an. Die Transporteiweisse haben ja keine unbegrenzte Bindungskapazität, sondern können immer nur ca. 99,98 % vom T4 an sich binden.

    Erhöhst Du die Menge an Hormonen durch Einnahme von L-Thyroxin, so steigen natürlich gebundene UND freie Hormone gleichermaßen an, weil aufgrund der Bindungskapazität der Eiweisse nun einmal nicht mehr als max. 99,98 % T4 gebunden werden können.

    Beispiel (mit rein fiktiven Zahlen, die nur der Veranschaulichung dienen sollen): Wenn du 10.000 T4-Hormonmoleküle hast, so können die Transporteiweisse davon 9998 binden, 2 bleiben aber frei (Verhältnis 99,98 % zu 0,02 %).

    Hast Du nun mittels Tabletten die Menge von T4-Hormonmolekülen auf 20.000 steigerst, so können die Transporteiweisse nun davon 19.996 binden, 4 bleiben aber frei (Verhältnis 99,98 % zu 0,02 %).

    Du siehst, wenn die Menge der Hormone steigt, dann steigt eben nicht nur die Menge an gebundenen Hormonen, sondern proportional eben auch die Menge an freien Hormonen.

    Natürlich bleiben nicht immer dieselben Hormonmoleküle gebunden, sondern es findet ein fortwährender Wechsel statt (gebundene werden wieder frei, neu ankommende freie Hormone werden gebunden), weil ja ständig (nach jeder Tabletteneinnahme) neue Hormonmoleküle ankommen, dafür aber auch ständig von den Körperzellen Hormonmoleküle verbraucht werden. Aber das Verhältnis zwischen gebundenen und ungebundenen Hormonmolekülen ändert sich eben nicht, sondern bleibt ständig stabil.

    Dieses Verhältnis ändert sich auch nur dann, wenn entweder die Menge der Transporteiweisse steigt (z. B. bei Östrogeneinnahme) oder fällt (z. B. bei Testosteroneinnahme) oder aber wenn eben Medikamente die Hormon-Bindungskapazität der Eiweiße vermindern (durch Verdrängung der Hormone aus der Eiweißbindung, z. B. Aspirin).
    Denn sonst kann ich mir nicht erklären, warum man bei einer Überdosierung Symptome einer Überfunktion bekommt. Denn, werden wirklich nur soviele Hormone aktiviert, wie der Körper auch benötigt, sollte dies ja nicht der Fall sein..
    Richtig, sonst wäre keine ÜF möglich, wenn der Körper immer nur soviele Hormone aktivieren (im Sinne von aus der Bindung lösen) würde, wie er braucht.

    Aber die Menge der freien Hormone im Blut hängt eben nicht davon ab, wieviel der Körper braucht, sondern davon, wieviel Hormone zugeführt werden und was für eine Bindungskapazität die Transporteiweisse im Blut haben.

    Die maximale Bindungskapazität der Transporteiweisse für SD-Hormone ist ja nun einmal vorgegeben (durch Menge der Transporteiweisse und jeweilige Affinität der unterschiedlichen Transporteiweisse).

    Und wenn zu viele Hormone da sind (weil zuviel durch Tabletten zugeführt wurde oder weil die SD zuviel produziert), dann können die Transporteiweisse die Hormone dennoch nur 99,98 % davon binden, der Rest bleibt frei. Nur wenn`s halt zuviel ist, dann sind auch 0,02 % von zuviel einfach zuviel

    Liebe Grüße
    Jutta
    Geändert von Jutta K. (13.02.10 um 03:19 Uhr)

  5. #15
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    ok, dann ist das jetzt alles logischer Hätte eigentlich auch vorher klar sein können. Danke für deine super ausführliche Antwort darauf!! *freu*

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