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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : MB, Psyche und Beruf



susanne
19.11.00, 19:02
Erst einmal - ein grosses Lob für diese Website! Die Informationen und auch dieses Forum haben mir schon sehr geholfen!
Insbesondere die Diskussionen zum Thema MB und Psyche (auch bei der SD-B‘see) habe ich mit Interesse verfolgt. Allerdings muss ich sagen, dass ich wohl dem ‘typischen‘ Bild einer MBlerin entspreche, wie es in diversen Publikationen immer wieder zu lesen ist, und dass dem Ausbruch meiner Krankheit die ‘typischen‘ Lebenskrisen vorausgegangen waren (Prüfungsstress, Prüfungsversagen, Todesfall in der Famile, Trennung, Auszug bzw. Umzug, extrem viel beruflicher Stress) vorausgingen. Leider muss ich bei mir eine gewisse Veränderung der Persönlichkeit feststellen, zumindest was das Berufsleben betrifft. Wohlgemerkt war ich gerade dabei, mich beruflich neu zu orientieren, als der MB nicht mehr zu ignorieren wurde (habe mich tatsächlich mit letzter Kraft ins Büro geschleppt, dachte, das ganze sei psychosomatisch...). Aufgrund meiner Angespanntheit verliefen die Vorstellungsgespräche auch entsprechend schlecht. Inzwischen wurde mittels Thiamazol und Favistan ein ‘Gleichgewicht‘ erzeugt, und ich kann mich allmählich wieder mit beruflichen Dingen beschäftigen. Besonders belastbar war ich eigentlich noch nie, und aufgrund meines langjährigen Diabetes werde ich auch sehr schnell müde und bin aufgrund von Stoffwechselschwankungen oft auch extrem erschöpft - aber das konnte ich kontrollieren und einigermassen einschätzen. Inzwischen bin ich aber extrem unsicher geworden - kann meine Reaktionen zur Umwelt, in bestimmten Stressituationen nicht einschätzen und weiss auch nicht, wie ich im Berufsleben ‘einen Gang ‘runterschalten soll‘. Schliesslich soll man ja heutzutage grundsätzlich ‘stressresistent‘ sein. Ausserdem fühle ich mich zunehmend unfähig (obwohl ich inzwischen eigentlich mehr Erfahrung habe) und auch extrem müde und ausgelaugt. In meiner jetzigen Tätigkeit ist die Belastung schon enorm (wie kann man einem (neuen) Vorgesetzten sagen, dass man nicht mehr zum grenzenlosen Einsatz bereit ist?). Bei einem Stellenwechsel wäre die Belastung wohl aufgrund der vielen neuen Faktoren wohl unerträglich - ich habe daher Angst, diesen Weg überhaupt einzuschlagen (da ich inzwischen 40 geworden bin, ist die Lage sowieso nicht unbedingt einfach), insbesondere da ich nicht weiss, was nach einem Jahr, nach dem Auslassversuch (ich erwarte eigentlich keine Spontanheilung - das würde wahrscheinlich nur funktionieren, wenn ich nicht arbeiten müsste) wird. Vielleicht quäle ich mich wieder Monate mir einer ‘Neueinstellung‘ herum? (von einer möglichen e.O. und meinem Diabetes mal Ganz zu schwiegen..). Gibt es denn für uns MBler Strategien um diese Konflikte zu bewältigen? Wie gehen Andere mit dem Berufsstress um? Kann man als MBler überhaupt noch ‘Karriere‘ machen ?(falls man das überhaupt will..)? Würde mich über einen Erfahrungsaustausch sehr freuen.
Gruss,
Susanne

Alexandra Muuß
19.11.00, 20:10
Liebe Susanne,
ich habe Deine Geshcichte mit Aufmerksamkeit gelesen.
Sehr gut kann ich verstehen, dass dieser "Erfolgsdruck" für Dich sehr schwer zu ertragen ist. Vielleicht kannst Du Dich ein wenig freimachen von der Erwartung "Karriere" zu machen. Deine Gesundheit soll für Dich an erster Stelle stehen. Es wäre schön, wenn Du vielleicht mit Autogenem Training oä ein bißchen mehr Ruhe in Deine Freizeit bekommst und Dich keinem Stress aussetzt. Vielleicht wäre auch eine Halbtagsstelle möglich, Geld ist schließlich nicht alles. Du solltest an Deinem Beruf Spaß haben und keine Angst davor haben in ihm zu "versagen". Sicher ist es schwer einen neuen Job zu finden, wenn man nicht die Kraft dazu hat. Aber Dein Job ist in erster Linie nur dazu da, Dein Leben zu finanzieren. So zumindest versuch ich die Sache zu sehen. Das Problem ist nur, die Umwelt und die Leute, insb. Eltern, um einen herum üben ebenfalls einen gewissen Erfolgsdruck aus.
Ich hoffe, Du findest auf Dauer einen Job, der Dich weniger belastet, sondern Dir auch Anerkennung und Lob einbringt.Genauso sollen es die Menschen um Dich herum tun, und so solltest Du Dich auch selbst behandeln. Schreib mir sonst gern an meine eMailAdresse, ich würde mich freuen von Dir zu hören.
Alexandra

Heike
20.11.00, 09:10
Hallo Susanne,
ich bin wie du gerade 40 geworden, arbeite Teilzeit (30 Std) und habe zwei Kinder (2,6) und einen entsprechend großen Haushalt zu versorgen. Ich kann dich sehr gut verstehen. Für mich weiss ich genau, dass zumindest mein mentaler Streß hausgemacht ist. Wie lange bist du denn in der Firm, von der du sprichst. Ist es eine große oder kleine Firma. Ich habe meinen derzeitigen Arbeitsplatz 9 Jahre und arbeite in einem Großkonzern. Personalvorgesetzte habe ich in der Zeit jetzt schon so etwa 8 gehabt. Nicht durch mein Einwirken, sondern durch firmeninterne Umstruktierungen. Mit einem hatte ich sofort massive Probleme weil er ein menschlisches Schwein war und habe daraufhin auf mein Betreiben firmenintern gewechselt. Alle anderen waren O.K.. Ist dein neuer Vorgesetzter ein Idiot, dann würde ich versuchen in eine andere Abteilung zu wechseln oder dir Hilfe vom Betriebsrat zu holen. Wenn du nicht vernünfitg mit ihm über deine krankheitsbedingten Einschränkungen reden kannst, die Jungs und Mädels können es nach meiner Erfahrung meistens schon. Die Zeiten werden rauher (Mitarbeiter sind schließlich keine Menschen mehr sonder Human Resources), das merke ich auch. Ich habe wegen einer anderen Angelegenheit auch zum erstenmal diesen Weg gewählt. Darüberhinaus weiss ich, dass mein Problem gar nicht die anderen sind, sondern ich selbst. Ich mag eigentlich nie sagen "Schaff ich nicht mehr". Nicht die anderen. Wenn du mal andere Kollegen, insbesondere die männlichen beobachtest wirst du sehen, dass es dort durchaus nicht wenige gibt, die vieles was unsereins so mit sich machen lässt von vornherein ablehnen und einen eigentlich eher für blöd halten angesichts dessen was man so mitmacht. Mir fällt da gerade das Buch "Gute Mädchen kommen in den Himmel böse überall hin" ein. Vielleicht kennst du es ja. Auch da drin steht: Nicht Fleiß führt zur Karriere sondern Skrupellosigkeit und die Abwesenheit von Selbstzweifeln. Da ist zumindest ein Körnchen Wahrheit dran, wenn du mich fragst.
Falls wir uns weiter über dies Thema austauschen wollen gilt auch für mich: Mail mal wieder
Heike

Kallistona
12.02.08, 16:58
Hallo zusammen,
dies was ihr schreibt kann ich sehr gut nachvollziehen.
Habe seit 4 Wochen einen neuen Job mit viel Stress und Personalverantwortung sowie enormer Zahlendruck. Und seit 3 Wochen habe ich die Diagnose MB.

Da ich immer auf Erfolg aus bin und auch diesen postiven Stress gebraucht habe, dachte ich zumindest, kann ich gar nicht glauben, was gerade mit mir passiert.

Bin nun auch seit ein paar Wochen krank geschrieben, gehe aber trotzdem in die Arbeit. Nur wenn es ganz schlimm wird bleibe ich daheim. Gott sei Dank habe ich einen sehr verständnisvollen Chef, der selber Lungenkrebs hatte. Er will auch, dass ich wieder gesund werde. Aber es ist richtig blöd, direkt am Anfang einer neuen Stelle, krank geschrieben zu sein.

Wie soll das in Zukunft weiter gehen. Soll ich einen Job in der Bäckerei annehmen, der nicht so stressig ist??? Habe studiert und einen gewissen Lebensstandart. Ich verdiene mehr Geld als mein Mann. Aber jetzt muss ich mich wohl mit weniger zufrieden geben.

Wie soll das alles weiter gehen?

VLG

Kallistona

Seduce
13.02.08, 06:09
das sind wirklich gute Fragen, auf die ich seit einem 3/4 Jahr auch noch keine Antworten gefunden habe.

Ich gehöre genauso zu der Kategorie, dass ich gerne unter Stress gearbeitet habe und auch nur dann wirklich gut. Das ist jetzt irgendwie vorbei und ich weis überhaupt nicht, wie ich mein Arbeitsleben neu sortieren soll. Zum Glück habe ich einen doch recht verständnisvollen Chef, allerdings verkleinert das auch nicht die Arbeitsberge die vor mir liegen. Ich habe aber wahrscheinlich die Möglichkeit firmenintern die Stelle zu wechseln und einen "ruhigeren" Job anzunehmen. So weit so gut, allerdings kann ich mir noch nicht vorstellen, dass ich damit zufrieden sein kann. Der Endo sagte, dass man sich damit abfinden muss, aber akzeptieren kann ich es noch nicht

Dowidal
19.02.08, 17:43
Ja, darüber denke ich nun auch nach. Bin freischaffend, Mutter eines 16jährigen Bengels. Mein Endo meinte, wir sollten doch erstmal sehen, daß ich meinen Beruf überhaupt noch ausüben kann (Sprecherin- also viel lesen, öffentlich, mit Lampenfieber verbunden), nachdem ich mich weigerte, krankgeschrieben zu werden. Das erste Krankengeld bekomme ich in sechs Wochen, zum AA gehe ich nur wieder unter Androhung von Folter und Hungertod! Hm. So recht wird mir da keiner helfen können, glaube ich.
Aber dennoch, feine Seite, gutes Forum.