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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : @ die "Wissenschaftler" hier: bräuchte einige Fakten



Ryokan
10.02.10, 10:49
Hallo ihr Lieben,

ich bräuchte ein paar fundierte Argumente.


Die Verbreitung von HT (und MB)
Hier und auf verwandten Webseiten heißt es meist 6, bzw. 8 bis 10 Prozent der Bevölkerung litten unter Hashimoto. Frau Dr. Brakebusch schreibt in ihrem Buch "etwa 4-10%", allerdings ohne Quellenangabe. Anderswo findet man 2 oder 3 Prozent (was ja auch reicht). --> Woher kommen diese Zahlen? Kennt jemand Studien dazu?

Die Relation von SD-AIs zu nicht autoimmunen SD-Erkrankungen
Natürlich hat man im Forum den Eindruck, fast jede SD-Fehlfunktion gründet auf HT oder MB. Ist es tatsächlich so, oder gibt es auch genügend Patienten, die ihre Beschwerden mit Jod und/oder einer OP in Griff bekommen/nachweislich was anderes haben? Zahlen, Studien? Was wären die anderen Erkrankungen? (Edit: Ok, z.B. das: http://de.wikipedia.org/wiki/Thyreoiditis)

Knoten
Gibt es klare Aussagen darüber, wie Knoten entstehen?

Stumabehandlung
Wird/wurde ein (vermeintlicher?) Jodmangelkropf in der Praxis wirklich durch eine OP oder RJT verkleinert/entfernt? (Die Struma müsste ja auf Jod ansprechen und von selbst zurückgehen. Es scheint mir widersprüchlich, in einem solchen Fall auch noch hormonproduzierendes Gewebe zu entfernen.)


Danke schonmal
Ryokan

Angiccata
10.02.10, 11:25
Bin leider kein Experte, kann auch nur was zu Strumabehandlung sagen. Normalerweise versucht man erst medikamentös. Ab einer gewissen Größe geht das aber nicht mehr.

Jutta K.
10.02.10, 12:33
Hallo Ryokan!


Die Verbreitung von HT (und MB)
Hier und auf verwandten Webseiten heißt es meist 6, bzw. 8 bis 10 Prozent der Bevölkerung litten unter Hashimoto. Frau Dr. Brakebusch schreibt in ihrem Buch "etwa 4-10%", allerdings ohne Quellenangabe. Anderswo findet man 2 oder 3 Prozent (was ja auch reicht). --> Woher kommen diese Zahlen? Kennt jemand Studien dazu?
Daß die Daten über die Prävalenz (Häufigkeit) von autoimmunen SD-Erkrankungen so unterschiedlich sind, liegt sicherlich zu einem Großteil daran, daß es eben kein "Melderegister" für Autoimmunthyreopathien gibt, Erkrankte also nirgendwo zentral erfasst werden.

Daher basieren die Daten über die Prävalenz eben hauptsächlich auf Studien bzw. Metaanalysen (Auswertung mehrerer Studien auf einmal). Und die kommen wohl eben zu recht unterschiedlichen Ergebnissen, was die Prävalenz betrifft.

Bei Studien kommt es bei den Ergebnissen bekanntermaßen immer auf viele Faktoren an, wie die Ergebnisse ausfallen, z. B. Studiendesign und Fragestellung, was man eigentlich genau herausfinden will, Auswahl des Patientenguts (Land, Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen, Umweltbedingungen (z. B. Jodversorgung), Ausschlußkriterien, Compliance der Patienten, Untersuchungsverfahren, Analysemethoden (und bestimmt noch viele weitere Faktoren; mehr fallen mir nur grad nicht ein ;) ) an.

Es fängt doch schon dabei an, ab wann man einen Patienten "eindeutig als an einer autoimmunen SD-Erkrankung erkrankt definiert". Wann ist er denn eindeutig erkrankt, also welche Kriterien sollen als Unterscheidung zwischen "erkrankt" und "nicht erkrankt" gelten? Das Ultraschallergebnis? Das Vorhandensein von Antikörpern? Wirklich eindeutig meßbare UF/ÜF? (mit Extrazusatz: Nur TSH relevant (und wenn ja, ab welchen Werten) oder auch fT-Werte/Gesamthorme?) Extrathyroidale Manifestationen (z. B. EO bei MB)? Klinische Beschwerden? Sonstige klinische Nebenbefunde (andere auffällige Laborwerte, Folgeerkrankungen etc.)? Und nur die Kombination aller dieser Faktoren oder auch einzelne Faktoren?

Um Studienergebnisse reproduzierbar zu machen und damit eine einheitliche Aussage über die Prävalenz von Autoimmunthyreopathien treffen zu können, müßte man sich doch erstmal darüber einigen, wie man nun eine Autoimmunthyreopathie genau definieren will bzw. ab wann jemand nun als erkrankt gilt oder auch nicht. Und genau daran hapert es ja nun einmal, wie man hier auch sehr schon im Forum sehen kann (wieviele hier kriegen von ihrem Arzt erzählt, daß man Hashi nicht hat, solange man keine positiven AKs hat oder solange die SD im US noch normal ausschaut; wieviele hier haben das Problem, daß sie zwar AKs haben, aber mangels (nachweisbarer) UF doch nicht als "krank" (und therapiebedürftig) eingestuft werden?)

Und eben wegen dieser uneinheitlichen Definition von "eindeutig erkrankt" und "nicht eindeutig erkrankt", können auch Studien immer nur das Bild abbilden, welches die Definitionskriterien vorgeben. Und da die Kriterien eben sehr unterschiedlich ausgewählt werden, kommt es auch zu unterschiedlichen Ergebnissen, so daß man die genaue Prävalenz letztendlich nur schätzen und mit von ... bis angeben kann.

Mal als Beispiel die sogenannte "Colorado Thyroid Disease Study", welche 1995 an einer recht großen Population (>25 000 Teilnehmer) in Colorado/USA durchgeführt würde. http://archinte.ama-assn.org/cgi/content/abstract/160/4/526 . Hier hat man als (Haupt-) Kriterien für die Prävalenz von SD-Erkrankungen (nicht nur autoimmun, sondern insgesamt) den TSH und die Lipidwerte genommen. Herauskam, daß 9,5 % der Untersuchten einen erhöhten TSH-Spiegel (>5 mU/l) hatten und 2,2 % einen erniedrigten TSH-Spiegel (und 40 % der bereits therapierten dennoch TSH-Werte außerhalb der Norm); die Lipidwerte korrelierten jeweils mit UF/ÜF.

Aus der Studie ergaben sich zwar (grobe) Schätzungen, daß man hochrechnet auf die US-Gesamtbevölkerung unter Bezugnahme auf die Studienergebnisse annehmen könnte, daß rund 13 Millionen Amerikaner wohl (noch) unerkannt an einer SD-Erkrankung leiden könnten (was schon eine beeindrucke Zahl ist). Hätte man aber die gegebenen Kriterien etwas anders definiert (z. B. niedrige TSH-Obergrenze) und/oder andere Kriterien zusätzlich definiert (z. B. US-Ergebnisse, AKs, klinische UF- oder ÜF-Symptome etc.) wäre die Prävalenz sicherlich noch erschreckender gewesen.

Dazu kommt, daß es selten Follow-Up-Studien gibt, die die damaligen Teilnehmer einer Studie später noch einmal auf Veränderungen ihres Status untersuchten, also wie es einige Jahre später in derselben Studienpopulation hinsichtlich einer Erkrankung ausschaut. Eine dieser wenigen Studien war die Whickkam-Studie (England), siehe auch hier: http://www3.interscience.wiley.com/journal/119246864/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0 , aus der man dann auch schloß, daß bereits TSH-Werte ab 2 mU/l das Risiko, eine UF zu entwickeln erhöhte und daß das Vorhandensein von TPO-AK dieses Risiko noch erhöhte.

So, sorry, muß jetzt leider erstmal weg, versuche aber später irgendwann noch weiter zu schreiben.

Liebe Grüße
Jutta

N'olino
10.02.10, 13:19
...siehe auch hier: http://www3.interscience.wiley.com/journal/119246864/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0...

... http://www3.interscience.wiley.com/journal/119246864/abstract - ist eine Eigenart dieses Verzeichnisses;)

Besser verlinkbar ist Pubmed: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/7641412

Die Studie wurde auch hier erwähnt:


...Chronische Autoimmun-Thyreoiditis ist ein häufiges Krankheitsbild bei Erwachsenen. Die Angaben zur Prävalenz variieren jedoch sehr in den publizierten Studien, abhängig davon, welche diagnostischen Kriterien benutzt wurden, in welcher Dekade des 20. Jahrhunderts die Untersuchung durchgeführt wurde und welche ethnischen Populationen untersucht wurden. So haben 40 bis 45 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Männer in den Vereinigten Staaten von Amerika und in Großbritannien Zeichen einer fokalen Thyreoiditis bei der post-mortalen Biopsie (1 bis 10 Foci pro Quadratzentimeter). Diese Häufigkeiten nehmen jedoch ab, wenn man das diagnostische Kriterium für den pathologischen Befund auf über 40 Foci pro Quadratzentimeter anhebt (Frauen: 5 bis 15 Prozent, Männer: 1 bis 5 Prozent) [Williams 1962, Okayasu 1994]....

... http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=968463347 (...S.11 des pdf)

Gruß - N':)lino (http://www.prophylaxe-transparenz.de/Aktuelles/Aktuelles-Medizin/HT-MB-Hyper-Hypothyr/ht-mb-hyper-hypothyr.html)

PS: http://www.springerlink.com/content/dkeblfwavk8wd9uj/ & http://alf3.urz.unibas.ch/hipaku/idx/122.htm

Ryokan
10.02.10, 13:58
Oh, die Prominenz ist hier. :redface: Grüß euch!

Hallo Jutta. Das leuchtet mir ein. Trotzdem vielen Dank!! Das ist sehr ausführlich und anschaulich. Es war von mir vielleicht etwas missverständlich formuliert: Mir geht es weniger um den genauen Prozentsatz, der, wie du schreibst, ohnehin nicht genau zu bestimmen ist, sondern vielmehr darum, dass die Zahlen nicht aus der Luft gegriffen sind. Gerade zu der Aussage, dass bis zu 10% der Bevölkerung an HT leiden könnten, interessiert mich die Studie. Das wäre ja immerhin jeder Zehnte.

Habe hier gerade einen Artikel in der Hand, in dem auf eine Studie von 2001 bis 2002 hingewiesen wird. Der zufolge zeigten 33% der Deutschen eine Struma und Knoten (keine Rede von kleiner SD). Wenn ich aber die bis zu 10% Hashis und bis zu 7% MBler nehme, dann wäre ich damit alleine schon bei bis zu 17% "Autoimmunthyreopathen"... und wiederum bei der Frage, ob Jod denn wirklich so heilsam ist bei SD-Erkrankungen.


@Angiccata: Gut, das sind dann wohl die Fälle, bei denen die Struma irgendwo ernsthaft "drückt".