Gabi
03.11.02, 14:51
Machen Multivitamine munter? (Quelle: Udo Pollmer)
Nimm zwei, am besten aber alle, denn das Plus an Vitaminen verspricht ein Plus an Lebenskraft. Fast überall stecken die kleinen Kraftzwerge drin, ob im Powerdrink, im Müsli oder im etwas teureren Joghurt. Nun denn, man gönnt sich ja sonst nichts. Profitieren wir wirklich von zusätzlichen Vitaminen in der Nahrung?
Die moderne Zeit ist schuld, wenn in unserer Nahrung immer weniger gesunde Vitamine und Mineralstoffe stecken, hat sie uns doch ausgelaugte Böden, Massentierhaltung und lauter raffinierte Lebensmittel beschert. Gleichzeitig wird unser Körper durch Zigaretten, Streß, Umweltverschmutzung und Alkohol immer mehr gefordert. Wenn man dem gemischten Chor aus Vertretern der modernen Ernährungslehre, der Bioszene und der Pharmabranche glaubt, braucht sich unter solchen Umständen niemand zu wundern, wenn er eines Tages unter Krebs, Infarkt, Rheuma, schlaffer Haut und schlechter Laune leidet.
Vitamine, am besten viel mehr Vitamine - so suggeriert uns die Werbung -, schenken auf jeden Fall ein Plus an Gesundheit. Während die einen für mehr Naturkost plädieren, empfehlen die anderen mit Vitaminen angereicherte Bonbons, Müslis und Säfte oder gleich komplette Multivitaminmixturen in Form von Pillen und Kapseln. Regelmäßig eingenommen, sollen die "Nahrungsergänzungsstoffe" - mit dieser Bezeichnung versucht man, eine Zulassung als Arzneimittel und damit den Nachweis der Wirksamkeit zu umgehen - Mangelerscheinungen aller Art ausgleichen und damit das Immunsystem stärken, das Altern verzögern und das Wohlbefinden steigern. Was sie auf jeden Fall steigern, sind die Umsätze der Herstellerfirmen und das Wohlbefinden der Produktmanager.
Allen Unkenrufen zum Trotz sind wir reichlich versorgt: Der Verzehr von Obst und Gemüse hat in den letzten Jahrzehnten ebenso stetig wie deutlich zugenommen, eine Folge des Anbaus in Treibhäusern, der besseren Transportmöglichkeiten und der modernen Lagertechniken. Mag sein, daß der Gehalt an biologisch wirksamen Stoffen in Treibhaustomaten niedriger liegt als in Freilandware - aber er ist im Winter immer noch weitaus höher als im eingekochten Tomatenmark vom letzten Sommer. Bei der Verarbeitung von Lebensmitteln werden Vitamine zur Färbung, zur Erhöhung der Maschinenfreundlichkeit und natürlich zur Verlängerung der Haltbarkeit zugesetzt. Mastvieh erhält reichlich Vitamine, teilweise so viel, daß der Wissenschaftliche Lebensmittel-Ausschuß der EU alle Bürgerinnen im gebärfähigen Alter vor dem Konsum von Leber warnte. Sie enthielt teilweise so hohe Gehalte an Vitamin A, daß im ungünstigsten Falle bereits ein Bissen genügt, um bei Kindern im Mutterleib schwere Mißbildungen zu erzeugen.
Angesichts dieser Situation verwundert es nicht, daß bis heute keine einzige brauchbare Interventionsstudie vorliegt, die geeignet wäre, die Theorien des Vitaminhandels und ihrer Nutznießer zu belegen. Was diese allerdings nicht hindert, sich regelmäßig auf Untersuchungen zu berufen, die das exakte Gegenteil erbrachten. Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang die sogenannte Linxian-Studie zitiert. Angeblich hat sie nachgewiesen, daß Vitamin E, Beta-Carotin und Selen vor Krebs schützen. Wer unter den Lesern oder Zuhörern kennt schon die Originalarbeit?
Für die Linxian-Studie erhielten in der chinesischen Provinz gleichen Namens fast 30.000 Teilnehmer Multivitaminpräparate. Die Wahl des Studienortes war gut überlegt: Die Menschen dort sind unterernährt und haben kaum eine ärztliche Versorgung. Sie nehmen bekanntermaßen sehr wenig Vitamine und Spurenelemente mit der Nahrung auf. Da sie im globalen Vergleich am häufigsten an Magen- und Speiseröhrenkrebs erkranken, müßte sich - wenn überhaupt irgendwo auf der Welt - bei ihnen die Krebsrate senken lassen.
Sieben verschiedene Probandengruppen erhielten unterschiedliche Mixturen aus vier bis acht Vitaminen und Spurenelementen. Das Ergebnis war mehr als ernüchternd: Die Sterblichkeit in den verschiedenen Gruppen unterschied sich während des fünf Jahre dauernden Versuchs nicht signifikant. Die Vitamingaben hatten also keine Vorteile gebracht - zumindest keine, die sich lebensverlängernd ausgewirkt hätten. Mit mathematischen Methoden wurde nun eine Gruppe errechnet, der wenigstens einige der guten Gaben rein theoretisch hätten helfen müssen, als da wären Vitamin E, Beta-Carotin und Selen. Eine Gruppe, der die genannte Kombination tatsächlich geholfen hätte, gab es aber nicht. Wenn also nicht einmal nachweislich mangelernährte Menschen von Vitaminpillen profitieren, warum sollten die satten Bürger in Europa und Nordamerika dann welche einnehmen?
In die gleiche Kerbe schlägt die erste große US-Gesundheitsuntersuchung (NHANES I). Sie verglich den Konsum von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten in der amerikanischen Bevölkerung mit den Daten zur Sterblichkeit. Es ließen sich keine Unterschiede ausmachen. Regelmäßige und unregelmäßige Pillenschlucker starben ebenso häufig und an den gleichen Ursachen wie Menschen, die auf solche Nahrungszusätze verzichteten - und zwar unabhängig von anderen Einflußgrößen wie der Nährstoffzufuhr mit der Nahrung, Alkohol- und Tabakkonsum, Körpergewicht oder chronischen Erkrankungen.
Die Gewinnspannen sind bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln außergewöhnlich hoch, selbst Drogendealer könnten neidisch werden. Deshalb wird das Gespenst vom Vitaminmangel wohl noch oft durch die Medien geistern.
Nimm zwei, am besten aber alle, denn das Plus an Vitaminen verspricht ein Plus an Lebenskraft. Fast überall stecken die kleinen Kraftzwerge drin, ob im Powerdrink, im Müsli oder im etwas teureren Joghurt. Nun denn, man gönnt sich ja sonst nichts. Profitieren wir wirklich von zusätzlichen Vitaminen in der Nahrung?
Die moderne Zeit ist schuld, wenn in unserer Nahrung immer weniger gesunde Vitamine und Mineralstoffe stecken, hat sie uns doch ausgelaugte Böden, Massentierhaltung und lauter raffinierte Lebensmittel beschert. Gleichzeitig wird unser Körper durch Zigaretten, Streß, Umweltverschmutzung und Alkohol immer mehr gefordert. Wenn man dem gemischten Chor aus Vertretern der modernen Ernährungslehre, der Bioszene und der Pharmabranche glaubt, braucht sich unter solchen Umständen niemand zu wundern, wenn er eines Tages unter Krebs, Infarkt, Rheuma, schlaffer Haut und schlechter Laune leidet.
Vitamine, am besten viel mehr Vitamine - so suggeriert uns die Werbung -, schenken auf jeden Fall ein Plus an Gesundheit. Während die einen für mehr Naturkost plädieren, empfehlen die anderen mit Vitaminen angereicherte Bonbons, Müslis und Säfte oder gleich komplette Multivitaminmixturen in Form von Pillen und Kapseln. Regelmäßig eingenommen, sollen die "Nahrungsergänzungsstoffe" - mit dieser Bezeichnung versucht man, eine Zulassung als Arzneimittel und damit den Nachweis der Wirksamkeit zu umgehen - Mangelerscheinungen aller Art ausgleichen und damit das Immunsystem stärken, das Altern verzögern und das Wohlbefinden steigern. Was sie auf jeden Fall steigern, sind die Umsätze der Herstellerfirmen und das Wohlbefinden der Produktmanager.
Allen Unkenrufen zum Trotz sind wir reichlich versorgt: Der Verzehr von Obst und Gemüse hat in den letzten Jahrzehnten ebenso stetig wie deutlich zugenommen, eine Folge des Anbaus in Treibhäusern, der besseren Transportmöglichkeiten und der modernen Lagertechniken. Mag sein, daß der Gehalt an biologisch wirksamen Stoffen in Treibhaustomaten niedriger liegt als in Freilandware - aber er ist im Winter immer noch weitaus höher als im eingekochten Tomatenmark vom letzten Sommer. Bei der Verarbeitung von Lebensmitteln werden Vitamine zur Färbung, zur Erhöhung der Maschinenfreundlichkeit und natürlich zur Verlängerung der Haltbarkeit zugesetzt. Mastvieh erhält reichlich Vitamine, teilweise so viel, daß der Wissenschaftliche Lebensmittel-Ausschuß der EU alle Bürgerinnen im gebärfähigen Alter vor dem Konsum von Leber warnte. Sie enthielt teilweise so hohe Gehalte an Vitamin A, daß im ungünstigsten Falle bereits ein Bissen genügt, um bei Kindern im Mutterleib schwere Mißbildungen zu erzeugen.
Angesichts dieser Situation verwundert es nicht, daß bis heute keine einzige brauchbare Interventionsstudie vorliegt, die geeignet wäre, die Theorien des Vitaminhandels und ihrer Nutznießer zu belegen. Was diese allerdings nicht hindert, sich regelmäßig auf Untersuchungen zu berufen, die das exakte Gegenteil erbrachten. Besonders häufig wird in diesem Zusammenhang die sogenannte Linxian-Studie zitiert. Angeblich hat sie nachgewiesen, daß Vitamin E, Beta-Carotin und Selen vor Krebs schützen. Wer unter den Lesern oder Zuhörern kennt schon die Originalarbeit?
Für die Linxian-Studie erhielten in der chinesischen Provinz gleichen Namens fast 30.000 Teilnehmer Multivitaminpräparate. Die Wahl des Studienortes war gut überlegt: Die Menschen dort sind unterernährt und haben kaum eine ärztliche Versorgung. Sie nehmen bekanntermaßen sehr wenig Vitamine und Spurenelemente mit der Nahrung auf. Da sie im globalen Vergleich am häufigsten an Magen- und Speiseröhrenkrebs erkranken, müßte sich - wenn überhaupt irgendwo auf der Welt - bei ihnen die Krebsrate senken lassen.
Sieben verschiedene Probandengruppen erhielten unterschiedliche Mixturen aus vier bis acht Vitaminen und Spurenelementen. Das Ergebnis war mehr als ernüchternd: Die Sterblichkeit in den verschiedenen Gruppen unterschied sich während des fünf Jahre dauernden Versuchs nicht signifikant. Die Vitamingaben hatten also keine Vorteile gebracht - zumindest keine, die sich lebensverlängernd ausgewirkt hätten. Mit mathematischen Methoden wurde nun eine Gruppe errechnet, der wenigstens einige der guten Gaben rein theoretisch hätten helfen müssen, als da wären Vitamin E, Beta-Carotin und Selen. Eine Gruppe, der die genannte Kombination tatsächlich geholfen hätte, gab es aber nicht. Wenn also nicht einmal nachweislich mangelernährte Menschen von Vitaminpillen profitieren, warum sollten die satten Bürger in Europa und Nordamerika dann welche einnehmen?
In die gleiche Kerbe schlägt die erste große US-Gesundheitsuntersuchung (NHANES I). Sie verglich den Konsum von Vitamin- und Mineralstoffpräparaten in der amerikanischen Bevölkerung mit den Daten zur Sterblichkeit. Es ließen sich keine Unterschiede ausmachen. Regelmäßige und unregelmäßige Pillenschlucker starben ebenso häufig und an den gleichen Ursachen wie Menschen, die auf solche Nahrungszusätze verzichteten - und zwar unabhängig von anderen Einflußgrößen wie der Nährstoffzufuhr mit der Nahrung, Alkohol- und Tabakkonsum, Körpergewicht oder chronischen Erkrankungen.
Die Gewinnspannen sind bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln außergewöhnlich hoch, selbst Drogendealer könnten neidisch werden. Deshalb wird das Gespenst vom Vitaminmangel wohl noch oft durch die Medien geistern.